Eiskalt (#WritingFriday)

Hey Leute! Das hier ist eine Geschichte, die ich zu der Aktion „Writing Friday“ von der lieben Elizzy geschrieben habe. Hierfür habe ich mich für mehrere Stunden in meinem Zimmer verkrümelt, verzweifelt in die Tasten gehauen und tausendmal neu angefangen und das ist jetzt dabei rausgekommen. Wie immer freue ich mich sehr über Feedback , aber jetzt erstmal viel Spaß beim Lesen 🙂

Vorgabe: Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „In einer so unbequemen Lage war er noch nie, doch…“ beginnt.

Eiskalt

In einer so unbequemen Lage war er noch nie, doch in letzter Zeit häuften sich diese Momente. Wo er sich verloren fühlte. Wo es ihn einholte. Er konnte ihm nicht entkommen, egal wie stark er sich dagegen wehrte und es versuchte. Es hatte ihn fest im Griff. Auch dieses Mal war er wie gefesselt. „Sir, könnten Sie mir bitte meine Frage beantworten?“, fragte eine männliche Stimme hinter ihm. Verdammt! War er etwa schon wieder in Gedanken versunken gewesen? Er blickte zu dem Polizisten auf und murmelte eine Entschuldigung. Fünf Minuten später war er endlich wieder allein. Mit einer ruckartigen Bewegung wendete er den Wagen und fuhr zurück auf die Hauptstraße.

„Ach, halt doch einfach den Mund! Du hast ja keine Ahnung!“, „Wenigstens rede ich mit ihm. Du kannst ihn nicht ewig ignorieren. Er konnte genauso wenig dafür wie du und ich!“ Die lauten Stimmen seiner Mitbewohner waren schon bis in den Flur zu hören. Er seufzte. Würden die Streitereien jemals aufhören? Er betrat die Wohnung und augenblicklich war es still. So wie immer. „Hey“ murmelte er und griff nach einer Tüte Chips, die halb umgekippt auf dem Couchtisch lag. Dann ging er in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Er konnte die leeren Augen immer noch in seinem Nacken fühlen. Fühlen wie die anderen ihm hintererstarrten. Versuchten zu ergreifen und zu verstehen, was in ihm vorging. Seit dem Vorfall hatten sie nur wenige Worte außer einer gemurmelten Begrüßung miteinander gewechselt. Nadja hatte er seit Wochen nicht gesehen. Sie war abgetaucht. Nicht, dass er sie nicht verstehen konnte. Schon zu oft hatte er seinen Rucksack gepackt und die Hand auf der Türklinke, nur um dann festzustellen, dass weglaufen nur noch mehr Aufsehen erregen würde. Außerdem wusste er nur zu gut, dass man vor seinen Gefühlen nicht weglaufen konnte. Weder vor der Trauer, noch vor dem Schmerz, noch vor der Angst. Aber am allerwenigsten vor der Schuld. Er spürte wie sie wieder Besitz von ihm ergriff. Schnell kramte er seine schwarzen Kopfhörer aus dem Rucksack, drehte die Lautstärke auf und blendete die Welt um ihn herum aus. Seine Musik war das einzige, was ihn durch den Tag brachte. Aus dem Fenster starrend überlegte er, wo er hinsollte. Hier bleiben war für ihn auf lange Sicht keine Option. Er könnte auswandern, irgendwo einen Neuanfang starten. Vielleicht könnte er nach Europa ziehen…

Einige Stunden später erwachte er aus einem unruhigen Halbschlaf. Wie lange hatte er geschlafen? „Fuck!“ Es war schon dreiundzwanzig Uhr. Eigentlich hatte er noch was besorgen wollen, aber das konnte bis morgen warten. Es klopfte an seiner Tür. Matt streckte seinen Kopf zur Tür herein „Willst du mit mir was zu Essen holen?“ Er nickte und schwang sich vom Bett. Schnell zog er sich noch einen Kapuzenpullover über den Kopf und schnappte sich sein Handy vom Schreibtisch. Gemeinsam verließen sie die Wohnung und bogen kurze Zeit später auf die Hauptstraße ein. Draußen war es bereits dunkel und nur noch wenige Menschen waren auf den Straßen zu sehen. Er schaute aus dem Fenster, während sie an den Geschäften mit leuchtenden Schildern vorbeifuhren. „Ich weiß nicht wie lange sie es noch packt. Es frisst sie innerlich auf!“, murmelte Matt in seine Richtung, die Augen weiterhin starr auf die Straße gerichtet. Überrascht hob er den Kopf. Darüber hatten sie noch nie geredet.“Das tut mir wirklich leid.“ Er machte eine kurze Pause und fügte nach einer Weile hinzu: „Ich würde ja gerne helfen, aber sie schaut mich nicht mal an.“ Daraufhin schwiegen die beiden für den Rest der Fahrt und hielten kurze Zeit später auf dem etwas abgelegenen Parkplatz vom BurgerKing. Draußen hatte es angefangen zu regnen und die Tür quietschte leicht, als sie den Laden betraten.

Drinnen roch es nach Frittiertem und alles war in ein schummriges Licht getaucht. Außer ihnen saß nur ein Pärchen hinten in der Ecke und unterhielt sich leise mit zusammengesteckten Köpfen. Der Boden sah aus, als wäre er schon seit längerer Zeit nicht geputzt wurden und überall lagen Essensreste rum. In der Ecke stand ein Mülleimer, der förmlich überquoll und im Hintergrund hörte man irgendeine 80er Jahre Playlist in Dauerschleife laufen. „Wollen Sie jetzt etwas kaufen oder was?“, murrte eine ungeduldige Stimme vom Tresen herüber. Die Stimme klang kratzig und war nicht eindeutig zu einem Mann oder einer Frau zuzuordnen. Das Gesicht der Person blieb im Schatten einer viel zu großen Baseballkappe verborgen. Hinter ihr lag die Küche zu großen Teilen im Dunkeln. Seltsam. Normalerweise war hier Sonntagabends immer recht viel los. Zögernd traten sie an den Tresen und gaben ihre Bestellung auf. In seinem Magen hatte sich ein ungutes Gefühl breitgemacht, dass hier etwas nicht stimmte. Und zwar überhaupt nicht. Er blickte auf und blickte in Matts blaue Augen, die auf ihm ruhten. Auch er fühlte sich sichtlich unwohl und spielte unruhig mit dem Reißverschluss an seiner Jacke, während sie auf ihre Bestellung warteten. Erst das laute glockenartige Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken und er eilte nach vorne, um die fertige Bestellung abzuholen. Als er gerade nach den Pommes greifen wollte, schnellte eine knochige Hand vor und umfasste sein Handgelenk. Ruckartig drehte er den Kopf und blickte in haselnussbraune Augen, die ihn unverhohlen musterten. Es war eindeutig eine Frau, wie er jetzt feststellte. Sie hatte eine markante Nase und schmale Lippen, die zu einem missbilligendem Strich verzogen waren, aber ihre Augen funkelten ja fast schon schelmisch. Als er versuchte sich aus ihrem Griff zu befreien, musste er feststellen, dass sie unerwartet stark war und er keine Chance hatte. Sie beugte sich über den Tresen und flüsterte ihm ins Ohr:“ Sei auf der Hut. Sie verfolgen dich. Lauf so weit weg wie möglich. Dreh dich nicht um! Niemals! Denn der Feind läuft in deinem Rücken…“ Jetzt flüsterte sie nicht mehr, sondern schien förmlich zu schreien. Ihre Augen waren abwesend in die Ferne gerichtet. Es war als wäre sie gar nicht mehr richtig da. Er nutzte seine Chance und wand sich aus ihrem Klammergriff. Er schnappte sich die Pommes und lief Richtung Tür. Vor der Tür machte er eine Vollbremsung und sah sich um. Wo zum Himmel war Matt? Er blickte hektisch zwischen den Tischen hin und her, konnte ihn aber nirgendwo entdecken. Vielleicht war er schon ins Auto gegangen? Ja das musste es sein. Er öffnete die Tür und trat hinaus in den Regen.

Auf dem weg zum Auto versuchte er das ungute Gefühl abzuschütteln, dass ihm mittlerweile wie ein Klotz im Magen lag. Auf einmal meinte er Schritte hinter sich zu hören und fuhr herum. Nichts. Weit und breit war niemand zu sehen. Jetzt reiß dich mal zusammen! Das ist ja lächerlich! Nur weil er heute schlecht drauf war und irgend so ne alte Psycho-Oma ihn angequatscht hatte, musste er nicht gleich bei jedem Schritt denken, dass irgendetwas nicht stimmte. Der Wagen stand noch an der selben Stelle, wo sie ihn zurückgelassen hatten und der Motor brummte leise. Also war Matt doch einfach nur zurück zum Auto gegangen. Er öffnete die Wagentür und stieg ein „Sorry, dass es so lange gedauert hat, aber diese schrullige alte Tante hat mir die ganze Zeit irgend ne Scheiße erzählt. Was ein Psycho, jetzt mal im Ernst die hat ja echt eine Schraube locker…“ Mitten im Satz drehte er sich zu Matt um. Sein Atem stockte. Er blickte in den Lauf einer Pistole. Na toll! Als ob dieser Tag noch mehr den Bach runtergehen konnte. Er blickte in Matts eiskalte blaue Augen. Diese Augen waren der Grund, warum auf dem College alle Mädchen an ihm klebten. Er war groß, hatte schwarze Haare, die ihm geradeso in die Augen fielen, markante Gesichtszüge und volle Lippen. Und die Professoren wunderten sich, warum niemand aufpasste, wenn er im Raum war. Ha, dass er nicht lachte! Er hatte ihn schon oft damit aufgezogen. Damals als sie noch jünger waren. Als seine Augen noch Wärme ausgestrahlt haben. Jetzt waren sie wie zwei Pfeile, die versuchten ihn aufzuspießen.

Langsam hob er die Hände, „Wow, ganz langsam! Was soll der Scheiß Alter? Leg die Knarre weg!“ Matt schaute ihn weiterhin undurchdringlich an. „Du weißt ganz genau wofür. Du hast uns alle in diesen Schlamassel gebracht. Es ist deine Schuld, dass Nadja abgehauen ist. Dass meine Beziehung mit Leah in die Brüche gegangen ist und dass Tyler tot ist!“ Die letzten Worte spuckte er fast aus. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals, als er sah wie sich Matts Hand Richtung Abzug bewegte. „Denkst du ich wollte, dass Ty stirbt? Oder dass deine Beziehung kaputt geht? Denkst du ich habe das geplant?“ Langsam erholte er sich vom ersten Schreck und die Angst schlug in Wut und pure Enttäuschung um. Er hatte es so satt, dass sich die ganze Welt gegen ihn verschworen hatte! Er redete sich immer weiter in Rage und spürte wie der Zorn in ihm brodelte. Er war kurz davor zu explodieren. Matts Hand zitterte über dem Abzug und er erkannte seine Chance. Mit voller Wucht boxte er ihm in den Magen, während er mit der anderen Hand versuchte ihm die Pistole aus der Hand zu schlagen. Überrascht von dem plötzlichen Angriff reagierte Matt dementsprechend langsam und krümmte sich, als er den Schlag mit voller Wucht abbekam. Trotzdem war er schnell und fing seine Hand in der Luft ab. Matt war eindeutig stärker als er und hielt ihn gekonnt am Arm fest. „Und jetzt?“ Die Boshaftigkeit in seiner Stimme schockierte ihn zutiefst. Wer auch immer neben ihm im Auto saß war definitiv nicht Matt. Sein bester Freund, den er seit der Grundschule kannte. Mit einer ruckartigen Bewegung wand er sich aus seinem Griff und bekam die Pistole zu fassen. Er versuchte sie ihm aus der Hand zu reißen, aber seine Hand rutschte ab. Auf einmal hörte er einen Schuss und fiel zurück in seinen Sitz. Er wagte kaum zu atmen. Ein brennender Schmerz breitete sich langsam unterhalb von seinem Schlüsselbein aus und zog durch seinen ganzen Körper. Es war als würde ihm jemand immer und immer wieder ein Messer in die Brust rammen. Der Schmerz breitete sich in jede Zelle seines Körpers aus. Er konnte nicht atmen. Der Schmerz übermannte ihn und er schloss seine Augen. Er versuchte wach zu bleiben, aber die Dunkelheit war zu verlockend. Sie war friedlich. Ohne Schmerzen. Plötzlich tauchten Bilder in seinem Kopf auf von jenem Abend. Eine Hand blitzte vor seinen Augen auf. Sein Kopf konnte an nichts als die brennenden Schmerzen denken, trotzdem musste er die Wahrheit aussprechen. Denn ihm war etwas klar geworden, was ihm schon vor langer Zeit hätte auffallen sollen, aber er hatte es immer wieder verdrängt. Er blickte in Matts Augen. Dieselben Augen, die jetzt von allem Leben verlassen zu sein schienen. „Du warst es nicht wahr? Du hast Ty damals aus dem Fens…“


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